Paul Sacher

Der Basler Dirigent Paul Sacher (1906–1999) widmete sich als Interpret, als Auftraggeber neuer Kompositionen sowie als Förderer und Mitglied zahlreicher Gremien und Institutionen vielseitig der zeitgenössischen Musik seines Jahrhunderts. Bereits 1926 stellte er sein erstes Orchester zusammen, das Basler Kammerorchester (BKO), das bis 1987 bestand. 1941 folgte die Gründung des bis 1992 aktiven Collegium Musicum Zürich (CMZ). Waren die Programme vor allem des BKO zunächst stark geprägt von der im frühen 20. Jahrhundert aktuellen Gegenüberstellung alter und neuer Musik, so öffnete sich das Repertoire in späteren Jahrzehnten auch avantgardistischen Strömungen der zweiten Jahrhunderthälfte.

Zu den wichtigsten Anliegen Paul Sachers gehörte es von Anfang an, für seine Orchester neue Werke in Auftrag zu geben. Neben Komponisten des persönlichen Umfeldes wie Conrad Beck, Willy Burkhard oder Frank Martin kontaktierte er bald auch internationale Grössen wie Béla Bartók, Igor Strawinsky oder Paul Hindemith. Später traten Namen wie Luciano Berio, Elliott Carter, Cristóbal Halffter, Hans Werner Henze, Heinz Holliger und Wolfgang Rihm hinzu – um nur einige zu nennen.

Den Aufträgen folgten gelegentliche Manuskriptgeschenke, die das Fundament der späteren Sammlung Paul Sacher bildeten. Die beruflichen Kontakte wandelten sich in vielen Fällen in Freundschaften, was später die notwendige Vertrauensbasis für die Komponisten oder deren Erben schuf, ganze Sammlungen autographer Dokumente in die Hände der Paul Sacher Stiftung zu geben. Die Initialzündung dazu gab Sacher, indem er 1983 den Nachlass Igor Strawinskys und kurz darauf die Sammlungen Anton Webern und Bruno Maderna für die Stiftung erwarb – der Weg zum internationalen Forschungsarchiv war vorgezeichnet.
Paul Sacher an einer Probe für das
BKO Konzert vom 19./20. Januar 1984
im Musiksaal des Stadtcasinos Basel
© Niggi Bräuning, Basel
Paul Sacher dirigiert das Basler
Schlagzeug-Ensemble am
12. Juni 1993 © Roland Schmid, Basel

Zeittafel

1906  
Paul Sacher wird am 28. April in Basel geboren.

1925  
Beginn des Studiums in Basel (Musikwissenschaft bei Karl Nef und Jacques Handschin, Dirigieren bei Felix Weingartner).

1926  
Gründung des Basler Kammerorchesters (BKO) auf Initiative von Paul Sacher.

1927
 
Erstes Konzert des BKO (21. Januar) mit Werken von Händel, Bach, Mozart und der Uraufführung von Rudolf Mosers Suite für Violoncello und Kammerorchester, op. 35.

1928  
Erstes Konzert des von Paul Sacher im Juni desselben Jahres gegründeten Basler Kammerchors.

1929  
Erste Begegnung mit Béla Bartók. Paul Sacher wird Vorstandsmitglied und Programmleiter der Ortsgruppe Basel der IGNM.

1931  
Paul Sacher wird Vorstandsmitglied des Schweizerischen Tonkünstlervereins.

1933  
Paul Sacher wird Direktor des von ihm gegründeten Lehr- und Forschungsinstituts für Alte Musik Schola Cantorum Basiliensis.

1934  
Heirat mit Maja Hoffmann-Stehlin, der Witwe Emanuel Hoffmanns, Sohn des Basler Firmengründers Fritz Hoffmann-La Roche.

1936  
Erster Kompositionsauftrag an Béla Bartók (Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta).

1937  
Jubiläumskonzert «10 Jahre BKO» (21. Januar) mit drei Uraufführungen von Auftragswerken (Conrad Beck, Rhapsodie; Willy Burkhard, «Das ewige Brausen», op. 46; Béla Bartók, Musik für Saiteninstrumente…).

1940  
Uraufführung von drei Auftragswerken durch das BKO (11. Juni) unter der Leitung Paul Sachers (Béla Bartók, Divertimento; Ernst Krenek, Symphonisches Stück für Streichorchester, op. 86; Willy Burkhard, «Genug ist nicht genug», op. 53).

1941  
Gründung und künstlerische Leitung des Collegium Musicum Zürich (CMZ).

1942  
Uraufführung von Honeggers Sinfonie Nr. 2 mit dem CMZ (18. Mai).

1944  
Erstes Serenadenkonzert mit dem CMZ an den Internationalen Musikfestwochen in Luzern (27. August).

1946  
Paul Sacher wird Präsident des Schweizerischen Tonkünstlervereins.

1947  
Jubiläumskonzert zum 20jährigen Bestehen des BKO (21. Januar) mit Uraufführungen dreier Auftragswerke (Bohuslav Martinů, «Toccata e due Canzoni»; Igor Strawinsky, Concerto en ré; Arthur Honegger, Sinfonie Nr. 4 «Deliciae Basilienses»).

1954  
Die Schola Cantorum Basiliensis schliesst sich mit dem Konservatorium und der Musikschule zur Musik-Akademie der Stadt Basel zusammen. Paul Sacher leitet das neue Institut bis zu seinem Rücktritt 1969.

1955  
Paul Sacher wird Ehrenpräsident des Schweizerischen Tonkünstlervereins.

1960  
Gründung einer Meisterklasse für Komposition an der Musik-Akademie, für welche Paul Sacher Pierre Boulez gewinnt.

1971  
Paul Sacher wird Mitglied des Verwaltungsrats des von Pierre Boulez gegründeten IRCAM in Paris.

1973  
Gründung der Paul Sacher Stiftung.

1983  
Erwerbung des Nachlasses von Igor Strawinsky.

1986  
Offizielle Einweihung der Paul Sacher Stiftung, verbunden mit der Ausstellung «Die Musik des 20. Jahrhunderts in der Paul Sacher Stiftung» im Kunstmuseum Basel.

1987  
Letztes Konzert mit dem BKO und dem Kammerchor (7./8. Mai). Beide Institutionen werden nach 60 bzw. 58 Jahren Konzerttätigkeit unter Paul Sachers Leitung aufgelöst.

1992  
Letztes Abonnementskonzert mit dem CMZ (13. Juni) mit der Uraufführung von Wolfgang Rihms «Gesungene Zeit».

1996  
Zum 90. Geburtstag von Paul Sacher veranstaltet die Paul Sacher Stiftung eine Konzertreihe, ein internationales Symposion sowie eine Ausstellung im Kunstmuseum Basel zum Thema «Klassizistische Moderne».

1999  
Paul Sacher stirbt am 26. Mai in Basel.

Als kleine Dokumentation im Andenken an Paul Sacher erschien als Beilage zu den Mitteilungen der Paul Sacher Stiftung Nr.13, 2000, die Broschüre «Paul Sacher in memoriam» (zweisprachig deutsch/englisch).