Zündstoff Beethoven
Rezeptionsdokumente aus der Paul Sacher Stiftung

Eine Ausstellung der Paul Sacher Stiftung im Beethoven-Haus Bonn
voraussichtlich vom 13. November 2020 bis 2. März 2021

02.06.2020

Ludwig van Beethovens Relevanz für nachfolgende Komponistinnen und Komponisten ist unbestritten – mit positiven wie negativen Auswirkungen. Schon Franz Schubert soll gefragt haben, wer «nach Beethoven noch etwas zu machen» vermöge, bezeugte damit aber nur umso mehr die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit dessen Musik. Im 20. und 21. Jahrhundert stellt sich die Situation zwar vielschichtiger dar, weil die Anknüpfungsmöglichkeiten fast ins Unermessliche gewachsen sind und die Idee eines musikalischen Mainstreams mit Beethoven als Ausgangs- bzw. Fluchtpunkt kaum mehr gültig ist. Dennoch haben auch in dieser Epoche unzählige Komponistinnen und Komponisten in ihrem Schaffen auf Beethoven reagiert, auf ihn Bezug genommen oder sich kreativ von ihm abgegrenzt.

Die Paul Sacher Stiftung widmet sich diesem Thema mit der Ausstellung Zündstoff Beethoven und einer zugehörigen Buchpublikation. Anhand von ausgewählten Dokumenten aus dem Archiv werden einige Facetten des kompositorischen sowie des theoretischen und pädagogischen Umgangs von Musikern und Musikerinnen mit ihrem großen Vorgänger aufgezeigt. Dabei stehen schriftliche Dokumente wie Musikhandschriften und Textmanuskripte im Vordergrund, gelegentlich ergänzt durch Ton- und Bilddokumente. Zur Gliederung der Exponate wurden vier thematische Gruppen definiert, in denen je ein Aspekt der Bezugnahme auf Beethoven im Vordergrund steht.

Beethoven als Lehrmeister
Die Klassizität von Beethovens Musik ist auch daran ablesbar, dass an ihr für diejenigen, die sich in der Kunst der musikalischen Komposition ausbilden, kein Weg vorbeiführt. Sie dient als Vorlage für Instrumentationen, fungiert als Stilmodell oder ermöglicht, anhand ihrer Form- und Strukturmerkmale eine mustergültige Art der musikalischen Logik zu veranschaulichen. Ihr wird ein Vorbildcharakter zuerkannt, der sie zum idealen Unterrichtsgegenstand macht. Diese Zugangsweise wird anhand von Analysen, Bearbeitungen und anderen Studiendokumenten veranschaulicht.

Ideologische Überhöhungen
Neben der pädagogischen Mustergültigkeit zeichnet sich Beethovens Musik besonders durch ihre Anfälligkeit für ideologische Vereinnahmungen aus. Voraussetzung dafür bildet Beethovens omnipräsente, über jegliche Grenzen hinwegreichende Verbreitung. Die damit einhergehende Tendenz, seiner Musik eine hochgradige Symbolhaftigkeit zuzuschreiben, erschließt ein nahezu unerschöpfliches Identifikationspotential, das etwa von der prinzipiellen Vorbildlichkeit oder von Vorstellungen der Reinheit und des Heroischen ausgeht, allerdings auch seinen ablehnenden Widerpart in sich trägt.

Strategien des Verweisens
In der dritten Exponaten-Gruppe werden einige «Strategien des Verweisens» veranschaulicht, die zur Vergegenwärtigung Beethovens angewendet wurden. Zu diesen Strategien gehört beispielsweise die «Übermalung» von Beethoven'schen Werken mit mehr oder weniger starker Präsenz des Originals im Neuen. Die am häufigsten verwendete Verweistechnik ist und bleibt jedoch das (meist kurze) Zitat, das sich deutlich von seinem neuen musikalischen Kontext abhebt. Solche Zitate können die unterschiedlichsten Funktionen haben; auch kann das Verhältnis zwischen der zitierten Musik und ihrer neuen Umgebung keineswegs nur dissoziativ sein, sondern unterschwellige konstruktive Verbindungen aufweisen.

Verfremdungen und Demontagen
Die vierte Exponatengruppe schließlich führt einige Werke vor Augen, in denen Beethovens Musik «verfremdet» bzw. «demontiert» wird, wobei die betreffenden Komponisten meist nicht gegen das Schaffen des berühmten Vorgängers, sondern eher gegen den übertriebenen Beethoven-Kult aufbegehrten. Als locus classicus dieser Haltung erhält Mauricio Kagels «Metacollage» Ludwig van in der Ausstellung einen Ehrenplatz, zumal dieses Projekt teilweise im Beethoven-Haus selbst realisiert wurde. Doch kommen auch andere Beispiele prägnanter Demontagen und erhellender Konstellationen zum Zug.


Christóbal Halffter, Streichquartett Nr. 2 (Mémoires) (1970). Partiturentwurf, S. 1  Sammlung Christóbal Halffter, PSS
Christóbal Halffter, Streichquartett Nr. 2 (Mémoires) (1970). Partiturentwurf, S. 1 Sammlung Christóbal Halffter, PSS
Mauricio Kagel, Ludwig van – Hommage von Beethoven (1969). Musikzimmer, Requisite für den Film Ludwig van (Fotografin: Brigitte Dannehl)  Sammlung Mauricio Kagel, PSS
Mauricio Kagel, Ludwig van – Hommage von Beethoven (1969). Musikzimmer, Requisite für den Film Ludwig van (Fotografin: Brigitte Dannehl) Sammlung Mauricio Kagel, PSS
Richard Strauss, Metamorphosen. Studie für 23 Solostreicher (1945). Zweite Partiturreinschrift mit Dirigiereintragungen von Paul Sacher, S. 50  Sammlung Paul Sacher, PSS
Richard Strauss, Metamorphosen. Studie für 23 Solostreicher (1945). Zweite Partiturreinschrift mit Dirigiereintragungen von Paul Sacher, S. 50 Sammlung Paul Sacher, PSS

Ausstellung

Zündstoff Beethoven
Rezeptionsdokumente aus der Paul Sacher Stiftung

kuratiert von Felix Meyer und Simon Obert

13. November 2020 bis 2. März 2021
Beethoven-Haus Bonn
Bonngasse 24-26
53111 Bonn / Deutschland
Webseite Beethoven-Haus

Katalog

Zur Ausstellung erscheint ein reich bebilderter Katalog mit übergreifenden thematischen Essays und ausführlichen Kommentaren zu den einzelnen Exponaten.
Deutsche Ausgabe [LINK folgt]
Englische Ausgabe [LINK folgt]

Begleitprogramm

Zur Ausstellung sind drei Konzerte mit dem Ensemble Musikfabrik geplant.
Weitere Informationen folgen.